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Provinzposse in Freiburg

Eingestellt am 19. März 2007 um 20:12 Uhr » 2. Bundesliga

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, in diesem Blog alle Themen des deutschen und internationalen Profifussballes schonungslos und ehrlich aufzugreifen - bis auf eines: den SC Freiburg. Zu nahe stehen einige aus unserem Team dem Sportclub, das erschwert eine einwandfreie journalistische Berichterstattung.
Die Ereignisse der vergangenen Wochen nötigen mich aber förmlich dazu, doch ein paar persönliche Worte zu verlieren.

Wenn ich an Fussball denke dann verbinde ich den Sport mit dem SC Freiburg. Und den SC mit Volker Finke. Wen wunderts - als Finke vor fast 17 Jahren im Schwarzwald angetreten ist war ich gerade 11. Fussballmärchen wurden hier geschrieben. Man stieg auf und fast wieder ab, rettete sich am allerletzten Spieltag, kam im kommenden Jahr in den Uefa Cup, stieg mal wieder ab und auch wieder auf, wurde Dritter in der ersten Liga und schnupperte kurz an der Meisterschale, brachte Nationalspieler wie Todt, Heinrich oder Kehl hervor. Eine schöne Zeit wars, voller Euphorie, großer Spiele und noch größerer Teams. Den Breisgau-Brasilianern.

Lang lang ists her - seit 2, 3 Jahren konnte man sich als Fan des Gefühls nicht erwehren, dass frische Luft nichts schaden könnte, dass Finke sein Pulver verschossen hat. Und als der Druck zur Winterpause zu groß war handelte der Vorstand - und beschloss einstimmig die Trennung vom Trainer zum Saisonende. Was dann folgte ist fast schon so legendär wie die letzten 16 Jahre: die Mannschaft gewann Spiel um Spiel, bot Zauberfussball und ist nach einem grandiosen Sieg gestern gegen Aufstiegsfavorit Kaiserslautern wieder dran. Wenn sich nichts wesentliches ändert dann wird es der SC diese Saison vielleicht wieder packen und in Liga 1 aufsteigen. Ein neues Breisgau-Brasilianer-Team ist geboren, das Märchen könnte weitergehen.

Könnte. Aber es gibt deutliche Knirschgeräusche im Gebälk. Die Fans sind mit der Entlassung Finkes nicht (mehr) einverstanden, die die noch vor Wochen am lautesten "Finke raus" gröhlten tragen heute "wir sind Finke" T-Shirts. Die Verpflichtung des neuen Trainers, dankenswerterweise einer Person die in vielerlei Hinsicht an den Volker Finke vor 16 Jahren erinnert, wird nicht akzeptiert, stattdessen gruppieren sich die Schönwetterfans, um eine ausserordentliche Hauptversammlung abzuhalten, das Präsidium abzusägen und die Trainerentlassung rückgängig zu machen.

Provinzposse pur. Eine Strategie haben die Schreier bislang nicht vorgestellt, hauptsache Finke bleibt. Wer den Vorstand beerben soll - kein Plan. Ob Finke überhaupt weitermachen würde - auch kein Plan.
Aber auch der Vorstand verkauft sich mehr als schlecht: Achim Stocker kann einem fast schon leid tun - seine öffentlichen Auftritte zeigen deutlich die Verschleißerscheinungen der letzten harten Monate. Er wirkt angepsannt, verbraucht. Und sein Kollege Keller, wahrscheinlich auf den Job Stockers schielend, ist bei den Fans seit jeher nicht gerade beliebt, sein öffentliches Vorpreschen mit dem er den Abgang Finkes in den Augen vieler beschleunigte tat sein übriges. Irgendwas muss hinter verschlossenen Türen vorgefallen sein, ansonsten wäre man wenigstens dem Wunsch Finkes nachgekommen, seinen Nachfolger erst nach dem Lautern-Spiel zu präsentieren. Eigentlich eine geradezu problemlose Bitte - auf die 4 Tage wäre es sicher nicht angekommen. Irgendwo muss der Namen aber durchgesickert sein, denn bereits am Mittwoch berichteten alle Fachzeitschriften unisono über den "Neuen". Ich verkneife mir hier Gerüchte zu streuen, bin mir aber ziemlich sicher aus welcher Ecke geplaudert wurde. Dass die Mannschaft trotzdem blendend eingestellt war spricht für Finke - ebenso wie sein tadelloses und professionelles Verhalten in den letzten Wochen. Hut ab vor diesem Mann, er hat in den vergangenen Tagen bei mir mehr Ansehen gewonnen, wie in den ganzen 16 Jahren zuvor.

Und trotzdem - ich sage: es ist konsequent zu seinen Entscheidungen zu stehen, auch wenn sie im Nachhinein betrachtet nicht glücklich aussehen. Hätte man Finke im Winter beurlaubt - kaum einer hätte es dem Präsidium übel genommen. Vielleicht stünde man mit dem neuen Mann heute an gleicher Stelle, vielleicht auch nicht. Glaskugelleserei. Dass das Prinzip Finke nicht ewig weitergehen wird musste jedem klar sein. Irgendwann muss der Umbruch her. Der Vorstand hat sich aber mit der Entscheidung, Finke bis zum Sommer weitermachen zu lassen selbst in eine - sagen wir mal "ungünstige - Position gebracht und muss nun die Suppe auslöffeln. In meinen Augen gibts dabei nur Verlierer: der Vorstand verliert sein Gesicht, der Coach seinen Job, die Mannschaft den Trainer mit dem sie arbeiten will, die Fans eine Identifikationsfigur und der Verein verliert im Moment sein Gesicht. Einen schlechteren Abgang für einen verdienten Trainer kann es wohl kaum geben. Schade, ich hätte Volker Finke einen würdigeren Abgang gewünscht nach all der langen, tollen Zeit.

Volker Finke
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